Lebenslanges Lernen mit MOOCs

Studienabschluss fuer alle durch MOOCs

MOOCs haben inzwischen weltweit universitäres Lernen ohne Vorbedingungen einem Millionenpublikum eröffnet und ermöglichen Bildung für jedermann.

Jutta Schwengsbier

Studienabschluss fuer alle durch MOOCs

Seit führende Professoren der Stanford Universität vor einigen Jahren Ihre Kurse mit online Angeboten für ein Millionenpublikum geöffnet haben, bieten immer mehr Hochschulen auch in Deutschland digitale Studienkurse an. Von Informatik, Wirtschaftswissenschaften, Medizin bis zu DNA-Analyse oder Autobau: Es gibt kein Fachgebiet, dass nicht schon als online Kurs aufbereitet und unterrichtet wird. Und das alles kostenlos. Der neue Zugang zu Bildung verbessert das Leben vieler Menschen weltweit und kann echte Veränderungen in den Gesellschaften bewirken.

Bildungsfernsehen vom Hasso Plattner Institut

Einer der wichtigsten Lehrorte am Hasso Plattner Institut in Potsdam ist ein kleiner Raum im Untergeschoss des Universitätsgebäudes. Es ist keiner der Vorlesungssäle. Das Ambiente erinnert eher an ein modernes Fernsehstudio. Mit Kamera, professioneller Beleuchtung und Teleprompter zum Ablesen von Texten. Und natürlich mit einer grünen Hintergrundwand für spätere Trick- oder Video-Einblendungen. Neben einem hohen Pult für die Vortragenden steht eine Tafel. Darauf wird aber nicht mehr wie früher mit Kreide geschrieben. Es ist eine elektronisch gesteuerte Wand, die Computerbilder und Eingaben per Stift gleichzeitig anzeigen kann.

Das ist dieses Smartboard, mit dem man direkt auf den Folien, die man auch auf dem Laptop hat, malen kann und Anmerkungen machen kann. Man kann zum Beispiel hier auch die Farbe einstellen. (Stefanie Schweiger)

Durch einfachen Tastendruck kann die Farbe geändert werden, mit der der Stift auf die Tafel schreibt, erläutert Stefanie Schweiger, Kommunikationsreferentin am HPI. Die wichtigste Entwicklung sind aber nicht die technischen Spielereien. Die Professoren zeichnen ihre online Kurse im Studio ganz einfach vor einer Kamera auf. Anders als beim Bildungsfernsehen oder früheren E-Learning Programmen sind die neuen Bildungsangebote per internet interaktiv. Diese MOOC genannten Kurse, gelten als wegweisender Zukunftstrend im Bildungsbereich. MOOC ist eine Abkürzung für die englische Bezeichnung „Massive Open Online Courses“. Sie ermöglichen unbegrenzt vielen Interessierten aus aller Welt kostenlos per internet an Lernangeboten teilzunehmen. Gleichzeitig können sie dabei miteinander kommunizieren.

Durch das Internet, glaubt Christoph Meinel, habe sich die Art wie gelernt und wie gelehrt werde, grundsätzlich verändert. Der Informatikprofessor hat das online Lehrangebot des Hasso Plattner Instituts mit konzipiert und aufgebaut.

Wir haben ja im Hasso Plattner Institut sehr nah miterlebt, dass da ein neuer Ansatz da war. Nämlich gar nicht mehr das Vorlesungsgeschehen nur aufzuzeichnen und ins Netz zu stellen. Sondern zu sagen, „Hallo Liebe Leute“, wenn ihr das Thema lernen wollt, dann bitte kommt am nächsten Montag und dann fangen wir einen online Kurs an. Das ist die eine Idee. Das nämlich alle Lernenden, die sich dann mit den Inhalten befassen, die sitzen immer noch allein zuhause, aber alle lernen das Gleiche. Und dann ist dieses Angebot verwoben worden mit sogenannten Social Media. (Christoph Meinel)

Gelingt es durch die neuen Möglichkeiten zur sozialen Interaktion, die hohen Abbruchquoten von früheren E-Learning Lehrangeboten zu reduzieren? Erleichtern die MOOCs das lebenslange Lernen, mit dem wir alle uns an den stetigen Wandel anpassen müssen? Die noch relativ neue Entwicklung von interaktiven Bildungsangeboten per internet, läßt den Traum ein Stück näher gerückt, irgendwann allen Menschen Bildung kostenlos zur Verfügung stellen zu können.

Stanford Universität war Vorreiter bei MOOCs

Entstanden ist der Zukunftstrend im Bildungsbereich eher zufällig. Im Herbst 2011 boten Professoren der berühmten Stanford Universität in Kalifornien drei ihrer IT-Kurse kostenlos per internet an. Innerhalb kurzer Zeit hatten sich 160.000 Nutzer aus aller Welt eingeschrieben. Ein Vielfaches der sonst in Standford Studierenden. Beflügelt von diesen Anfangserfolgen entwickelten bald weitere amerikanischen Eliteuniversitäten MOOCs für verschiedene Fachbereiche. Neben Stanford auch Harvard oder Berkley. Kurz darauf entstanden neue internet-Plattformen mit Namen wie Coursera, Udacity oder Edx, die teils kostenlos teils kostenpflichtig den Zugang zu online-Kursen der besten Universitäten der Welt eröffneten. Inklusive der Möglichkeit auch Universitätsabschlüsse online zu machen. Als IT-Universität entschloss sich das Hasso Plattner Institut, seine eigene Plattform für MOOCs zu entwickeln, erzählt Christoph Meinel. Das OpenHPI genannte Angebot wird von den Professoren zusätzlich zu ihren Präsenzveranstaltungen angeboten.

Die Idee der MOOCs ist es : A, die Lernenden alle in die gleiche Situation zu versetzen, indem man sagt, wir organisieren das als Kurs. Und B, dann den Lernenden die Möglichkeit zu geben mit den anderen Lernenden, die ja alle sich mit dem gleichen Thema befassen, mit denen zu sprechen. Zu sagen, habt ihr das verstanden? Oder ich hab hier noch ne Idee, oder was meinst denn du dazu? Ist das so richtig? Und plötzlich, das schafft so etwas wie eine virtuelle Community. (Christoph Meinel)

Neben Kursen für IT-Spezialisten auf deutsch und auf englisch bietet OpenHPI auch für Laien aufbereitete Einführungen. Etwa in Web-Technologien oder zur Sicherheit im Internet. Wie lernen Computer per Software zeichnen? Was ist ein Algorithmus? Speziell auf Kinder ausgerichteten Kurse sollen auch Schüler ans programmieren heranführen.

Programmieren ist wie malen. Man kann mit einem Stift ganz leicht ein Bild malen. Damit das Bild schön wird, braucht man aber viele Jahre Übung. So ist das mit dem programmieren auch. Man kann in vier Wochen die Grundlagen des Programmierens lernen. Um ein guter Programmierer zu werden, braucht man aber viele Jahre Übung.

Nachdem sie die Erklärvideos angesehen haben, können die Kursteilnehmer dann den Stoff bei Frage und Antwort-Tests überprüfen und sogar direkt im Browser programmieren üben. Das vom HPI entwickelte System merkt selbst, ob der eingegebene Code richtig oder falsch ist. Wer alleine nicht weiter kommt, kann im Forum Fragen stellen und sich bei Problemen helfen lassen, erläutert Thomas Staubitz, einer der Software-Entwickler der OpenHPI-Plattform.

Was auch ein ganz wichtiges Feature auf der Plattform ist, das sind natürlich die soziale Interaktion zwischen den Teilnehmern. Dazu haben wir die Foren, die Fragen und Diskussionen, die man wirklich jetzt gezielt zu nem bestimmten Video stellen kann. Oder die man zu einer bestimmten Woche stellen kann. Den Inhalten von einer Woche. Und wo sich in der Regel zumindest sehr interessante Diskussionen dann zwischen den Teilnehmern ergeben. (Thomas Staubitz)

Anders als Unikurse dauern die online-Kurse nicht mehrere Monate sondern nur einige Wochen. Denn je länger die Kurse dauern, um so mehr Teilnehmer springen ab.

Wir haben für uns jetzt auf Open HPI für drei Formate entschieden. Das ist ein zweiwöchiges Format. Als Workshop Format. Ein vierwöchiges Format. Das sind meistens die Programmierkurse. Und dann haben wir noch unsere Standardkurse. Die sind 6 Wochen lang. Das ist ein Zeitraum, der sich im Großen und Ganzen als relativ gut schaffbar für die Teilnehmer erwiesen hat. (Christian Willems)

Im Prinzip sind die MOOCs aber so aufgebaut wie das Unistudium, sagt Christian Willems, auch wenn die Kurse kürzer sind. Der Informatiker passt die Funktionen der Lern-Plattform immer wieder den neuesten Erkenntnissen der Bildungsforschung an.

Generell stellt man bei diesen Massive Open Online Kursen fest, dass es halt eben schon ne gewisse Größe braucht, ne gewisse Teilnehmerzahl braucht. Und ne gewisse Gleichtaktung der Teilnehmer, damit man garantieren kann, dass dieser pier teaching Effekt, also das Weiterhelfen der Teilnehmer untereinander damit das funktioniert. Es funktioniert tatsächlich mit diesen festen Zeittakten und großen Teilnehmerzahlen am besten. (Christian Willems)

Im Schnitt melden sich 10000 Interessierte pro online-Kurs bei OpenHPI an. Erfolgreiche beendet werden die Kurse von etwa 2000 Teilnehmern, also von bis zu 20 Prozent. Das sind sehr viele Abschlüsse. Insbesondere wenn man bedenkt, dass sonst am Hasso Plattner Institut inklusive Doktoranden nur 500 Studentinnen und Studenten eingeschrieben sind. Das online Angebot ohne Zugangsbeschränkungen spricht also zehnmal mehr Menschen an, als ein reguläres Informatikstudium. Christoph Meinel geht deshalb davon aus, dass MOOCs in Zukunft ein wesentliches Element für unser lebenslanges Lernen werden.

Wir werden länger arbeiten müssen. Es wird die Qualifikation sich im Laufe des Berufslebens ändern. Und da braucht es natürlich neue Formen, um das anbieten zu können. Da glauben wir, dass diese Form der Massive Open Online Kurse, und was sich jetzt so daraus entwickelt, wunderbare Möglichkeit sind auch junge Leute, auch ältere Leute, die im Berufsleben tätig sind, die Familie haben, die also nicht jetzt zu einer Universität gehen können, um die neueste Technologie oder das neueste Thema zu lernen, dass die inhaltlich fit bleiben können. (Christoph Meinel)

Neben Universitäten, die ihre Angebote im wesentlichen kostenlos anbieten, haben inzwischen auch einige kommerzielle Anbieter das Potential von MOOCs erkannt. Die Online Plattform „Iversity“ will sich über Fortbildungsangebote für Berufstätige finanzieren, sagt Geschäftsführer Hannes Klöpper.

Die MOOCs, die Massive Open Online Kurse, also diese frei zugänglichen Kurse, die werden zumeist von den Hochschulen produziert und mit denen verdienen wir eigentlich nicht wirklich Geld. Wo wir den Großteil unserer Einnahmen erzielen ist aus dem Verkauf von Weiterbildungsangeboten. Da werden die Einnahmen geteilt, zwischen dem anbietenden Partner, das sind die Hochschulen oder eben Unternehmen und uns. Da erzielen wir das Groß der Einnahmen. (Hannes Klöpper)

MOOCs erreichen Millionen von Menschen

Insgesamt wird durch MOOCs Bildung einfacher zugänglich und auch billiger. Der größte Vorteile bleibt aber, dass mit online Kursen gleichzeitig sehr viele Menschen erreicht werden können. Viele Unternehmen nutzen Iversity inzwischen, um ihre Mitarbeiter auf den digitalen Wandel vorzubereiten, sagt Klöpper.

Was bedeutet Digitalisierung für verschiedene Industrien und verschiedene Geschäftsbereiche? Und dann neben dem Thema „Digitalisierung verstehen“, eben Transformation, Wandel gestalten. Wie kann ich als Organisation, als Individuum damit umgehen, mit dieser Veränderung? Was sind Methoden, Fähigkeiten, die ich brauche, um im digitalen Zeitalter sozusagen zu bestehen? (Hannes Klöpper)

Alexander Reiffenscheidt ist eigentlich schon fit für das digitale Zeitalter. Der Jungunternehmer hat Betriebswirtschaft studiert und berät Firmen bei IT-Entscheidungen. Doch immer nur mit Maschinen umgehen? Kaum Kontakt zu wirklichen Menschen? Das war ihm auf Dauer zu wenig. Als ausgebildeter Kommunikationstrainer entschied sich Reiffenscheidt deshalb ein zweites Standbein aufzubauen. Nicht im IT-Bereich. Der Betriebswirt wollte lieber sein Hobby zum Beruf machen: Die Verkostung edler Weine. Wie sollte er seine geplanten Weinseminare am besten anbieten? Als Einstieg entschied sich Reiffenscheidt, einen Kurs auf iversity über Digital Branding zu machen.

Also gereizt hat mich zum einen, dass der Kurs kostenlos war. Denn ich achte schon bei diesen Projekten darauf, dass es sich aus sich selber finanziert. Zum zweiten hat mir sehr gut gefallen, bei der Plattform, dass ich es mir selber einteilen kann, wann ich lerne. Und dann hab ich mich einfach hier vorne ins Kaffee gesetzt. (Alexander Reifenscheidt)

Beim Digital Branding gehe es nicht so sehr darum, einfach nur Fakten aufzuzählen, sondern Emotionen anzusprechen, berichtet Reiffenscheidt von seinem Lernerfolg. Nach dem Kurs fing Reiffenscheidt sogar an, ganz anders über sich und seine Biographie nachzudenken. Herausgekommen ist am Ende eine ganz andere Art, wie er seine neuen Weinseminare präsentiert.

Vorher wars tatsächlich eine Auflistung, „Wer bin ich“. Und sehr auf Fakten und das einfach dargestellt. Und dann hab ich deutlicher dargestellt. Emotionaler. Warum ist mir das wichtig, das zu vermitteln? Wo komm ich her? Was ist die Geschichte dahinter? Warum steh ich auf der Bühne? Wie kam's dazu? Wo ist mein Bezug zum Wein? Warum macht mir das Freude? Warum möchte ich diese Freude weiter geben, damit andere Leute das auch genießen können? Und einen schönen Abend haben können. (Alexander Reifenscheidt)

Lebenslanges Lernen das jedem gefällt

Wie Alexander Reiffenscheidt nutzen viele inzwischen MOOCs, um das zu lernen, was für sie persönlich in dem Moment gerade wichtig ist. Ob kochen oder meditieren. Die Themenvielfalt der online Lernangebote ist inzwischen so vielseitig wie die Menschen, die sie nutzen.

Neben Universitäten und Unternehmen bieten inzwischen auch Nichtregierungsorganisationen wie der WWF online Kurse an, um ihre Anliegen einem breiten Publikum nahe zu bringen. Tina Harms hat für den World Wildlife Fund gemeinsam mit dem deutsche Klimakonsortium einen MOOC zum Klimawandel organisiert.

Also der MOOC ist ja ne Möglichkeit, sehr viele Teilnehmer und Teilnehmerinnen zu versammeln. Anders als bei einem Workshop. Wir haben sehr gute Erfahrungen auch gemacht hier an der Humboldt Universität, diesen online Kurs zusammen zu bringen mit ner Präsenzveranstaltung. Also Blended-Learning zu machen. Um genau das Beste aus den beiden Welten dann zusammen zu bringen. (Tina Harms)

In diesen WWF-Kursen konnten die Teilnehmer also nicht nur in online Foren diskutieren, sondern sich auch bei mehreren Veranstaltungen vor Ort treffen, gemeinsam Aktionen planen und umsetzen.

Wir haben zum Beispiel jede Woche eine Aufgabe gestellt. Wir haben das so „Challenge of the Week“ genannt. Da ging's so ein bisschen um den Themenbereich, wie kommt man vom Wissen zum Handeln. Und haben Aufgaben gestellt, dass wir zum Beispiel die Teilnehmer aufgefordert haben, eine Woche was zu verändern in ihrem Leben. Regional einzukaufen. Oder nur saisonales zu essen. Das hat vielen sehr gut gefallen. Da haben wir nämlich ne ganz tolle Sammlung von Tipps und Möglichkeiten in den verschiedenen Städten und verschiedenen Bereichen bekommen. Das war toll. (Tina Harms)

Auch Annika Albrecht hat der Kurs gut gefallen. Die Studentin beschäftigt sich selbst als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Potsdam mit Klimaforschung. Über den Iversity Kurs konnte die 24jährige noch mal gemütlich zuhause auf dem Sofa ihre Kenntnisse auf den neuesten Stand bringen.

Für mich wars auf jeden Fall schön, anderen Hilfe anzubieten, mit dem Wissen was ich hatte. Weil ich dadurch selbst meine Kenntnisse noch mal festigen und vertiefen konnte. Zum anderen wars natürlich auch schön, Denkanstöße von anderen zu bekommen. Also ich kann mich an eine Aufgabe erinnern, da ging es um eine Interpretation von einem Vulkanausbruch. Das war ein Gemälde. Und man sollte ähnliche Gemälde im internet zum Beispiel heraus suchen. Da kamen natürlich die unterschiedlichsten Ergebnisse zusammen. Da erweitert man seinen eigenen Horizont natürlich. Und das fand ich sehr schön. (Annika Albrecht)

Obwohl über das Klimakonsortium viele Fachexperten mitgewirkt hatten, war es für den WWF sehr aufwändig, den Kurs zum Klimawandel zu erstellen. Doch es hat sich gelohnt, findet Tina Harms. Zumal die MOOCs mehrfach verwendet werden und die meisten über mehre Semester immer wieder laufen können.

Es kostet sehr viel Ressourcen. Vor allem Zeit. Geld. Diese Videos zu produzieren. Also wir haben 40 Videos produziert. Die sind etwa so alle 5 Minuten lang. Das ist denke ich ein gutes Format. Da haben wir sehr viel Ressourcen rein gegeben. Das ist auch toll angenommen worden. Wir haben das dann kombiniert noch mit Quizzes und anderen interaktiven Aufgaben, die jetzt in der Herstellung nicht so teuer waren aber natürlich in der Zeitressource. Die Fragen sich auszudenken, Quizzes sich auszudenken, tolle Aufgaben für die Wochen zu stellen. (Tina Harms)

Damit möglichst viele am Kurs teilnehmen und auch bis zum Schluss durchhalten, hat der WWF neben interessanten Lektionen über iversity auch noch Kooperationen mit Universitäten aufgebaut. Wer den Klimaschutz-Kurs erfolgreich absolviert, kann sich am Ende Leistungspunkte fürs Studium anrechnen lassen, die von verschiedenen Universitäten anerkannt werden.

Uns war es wichtig, sowohl Lehrkräfte in der Aus- und Weiterbildung anzusprechen und Studierende an den Universitäten. Wir haben im Vorfeld, bevor wir das MOOC produziert haben, Interviews gemacht, mit potenziellen Interessierten. Ich hab die gefragt, was ist eigentlich Euere Hauptmotivation so zu lernen. Es kamen ganz viele interessante Sachen. Also die wollten Kompetenzen lernen. Und die wollten gerne nachhaltig lernen. Aber sie haben auch gesagt, einer ihrer Motivationen ist auch, dass sie das für Ihr Studium anrechnen können. (Tina Harms)

Das Gelernte wieder für die eigene Karriere nutzbar zu machen, ist für viele nicht nur ein Ansporn, Kurse bis zum Ende durchzuarbeiten. MOOCs ebnen inzwischen auch für viele Menschen den Weg in ein Universitätsstudium, den sie ohne die online-Kurse nicht so einfach hätten einschlagen können.

Bildung für Geflüchtete

Das Berliner startup Kiron ermöglicht Flüchtlingen über MOOCs ein Studium ohne Vorbedingungen anzufangen. Das gelingt vielen Flüchtlingen sonst nur mit einigen Jahren Verzögerung. Meist fehlen Zeugnisse oder ausreichende Sprachkenntnisse. Viele im Heimatland erbrachten Leistungen werden in anderen Ländern oft nicht anerkannt. Solche Hürden will Kiron abzubauen. Einer der ersten, die über Kiron angefangen haben zu studieren, ist Kashib Kasmi. Der Asylbewerber aus Pakistan lebt erst seit vier Monaten in Berlin. Sein Antrag wird noch bearbeitet. Trotzdem konnte der Kashib das erste Studiensemester erfolgreich abschließen. Zu studieren wäre ohne Kiron für ihn nicht möglich gewesen.

Ich wollte studieren. Es gehört zu den fundamentalen Rechten jedes Menschen Bildung zu erhalten. Als Flüchtling gibt es viele Barrieren. Die Sprache. Hohe Gebühren. Kiron ist die einzige Möglichkeit für uns zu studieren. Ich habe versucht, mich in Pakistan auf eine professionelle Ausbildung zu bewerben, um Ingenieurwissenschaften zu studieren. Aber wegen der Unsicherheit und bürokratischer Hindernisse habe ich das nicht geschafft. Ich habe nur mein Abitur abgeschlossen. (Kashib Kasmi)

Zum Abschluss des ersten Semesters hat Kiron bei einer Party verschiedene Preise und Auszeichnungen an Kashib und die anderen studierenden Flüchtlinge verteilt. Am begehrtesten: Kostenlose Deutschkurse.

Markus Keßler, einer der Mitgründer von Kiron, hat selbst erst vor kurzem sein Studium in Psychologie abgeschlossen. Der 26jährige hatte sich schon länger in der Flüchtlingshilfe eingesetzt. Bis er zusammen mit Freunden die Idee hatte, Flüchtlingen über MOOCs den Zugang zum Studium zu ermöglichen.

Wir haben das erste Jahr komplett ehrenamtlich alle gemacht. Jetzt seit Januar haben wir Gelder über Crownfunding eingesammelt. Das heißt, wir haben ne Spendenaktion gemacht bei der jeder einfach Spenden konnte. Das crowd-Funding hat auch viele Stiftungen aufmerksam gemacht, so dass uns die BMW Stiftung, die Bertelsmann Stiftung, auch teilweise Ministerien, mit denen wir jetzt im Gespräch sind, Geld gegeben haben oder hoffentlich noch Geld geben werden. So finanziert sich das langfristig. (Markus Keßler)

Nach den ersten Erfahrungen von Kiron reicht es aber nicht, eine online-Plattform bereit zu stellen. Damit Flüchtlinge tatsächlich per internet erfolgreich lernen können, brauchen sie auch Orte, wo sie Computer mit Internet-Anschluss benutzen und sich austauschen können.

Das ganze Thema Betreuung der Studierenden ist extrem wichtig. Mehr Lernorte aufzubauen. Das funktioniert in der Türkei schon relativ gut tatsächlich. Da haben wir Community Center, in Istanbul, wo wir da jetzt starten mit der ersten Gruppe von 1000 Leuten. In Deutschland ist das relativ zerklüftet. Da suchen wir immer nach privaten Spendern oder machen mal einen Lernraum mit einer Firma oder mit einer Stiftung zusammen auf. Aber da eben ein engmaschiges Netzwerk zu stricken, das die Studenten auch einen Ort haben, zu dem sie gehen können, sich austauschen können, was im Endeffekt auch einen großen Teil von der Universität und dem Studentenleben ausmacht, da werden wir uns jetzt im nächsten Jahr stärker drauf konzentrieren. (Markus Keßler)

Nach zwei Jahren online-Kursen, die meist von renommierten Universitäten kostenlos zur Verfügung gestellt werden, sollen die Studentinnen und Studenten über Kiron an deutsche Partneruniversitäten wechseln und dort ihren Abschluss machen. Denn Kiron ist selbst nicht als Universität anerkannt. Selbst Zeugnisse ausstellen kann das startup also nicht. Sein Ziel war vor allem, sagt Keßler, als Vermittler zu fungieren und die lange Wartezeit für Flüchtlinge bis zum Studienbeginn zu verkürzen.

Und ansonsten hat, glaub ich, die generelle Idee besser funktioniert als wir uns das sogar vorgestellt hätten. Die online Kurse, die wir anbieten, wahnsinnig gut bei den Studenten ankommen. Und das es eine große Flexibilität bietet für Menschen, die vielleicht auch eine Familie daheim haben. Oder nebenbei einem Job nachgehen. Aber trotzdem ihr Studium beenden wollen. Und der Transfer zu den Partneruniversitäten jetzt auch schon mit den ersten Studenten geklappt hat. So früh hätten wir uns das gar nicht vorgestellt. Aber das zeigt auch, dass wir da auf dem richtigen Weg sind. (Markus Keßler)

Kashib Kasmi will sich über Kiron für ein duales Studium qualifizieren. Also gleichzeitig bei einem Autohersteller arbeiten und sich im Parallelstudium auf Autodesign spezialisieren.

Ich bin begeisterter Student. Ich liebe es zu lernen. Deshalb fällt es mir nicht schwer. Ich habe an 26 Modulen teilgenommen. Und davon habe ich 5 abgeschlossen und 5 Kreditpunkte erhalten. Ich studiere Maschinenbau. Dafür müssen wir verschiedene Themenbereiche abschließen. Wie Mathematik, Thermodynamik, Aerodynamik, Mechanik und Verhalten von Maschinen, Verschiedene Kräfte. (Kashib Kasmi)

Kiron Universität wächst international

Auch wenn der Stoff sehr schwer ist: Kashib ist überzeugt, über die online-Kurse von Kiron seinen Weg ins Studium gefunden zu haben. Der Bedarf an weiteren Studienplätzen ist enorm, sagt Keßler. Kiron will deshalb bald auch in verschiedenen Ländern im Nahen Osten, wo viele Flüchtlingen leben, eigene Büros aufmachen.

Wir haben insgesamt im letzten Jahr 700 Tausend Euro gefundraised. Das reicht um 1000 Studenten für 3 Jahre durch zu bringen. Das heißt jetzt, um so höher die Zahlen der Studenten werden, um so geringer werden auch die Kosten. Weil das relativ gut skaliert. Das heißt, wir können jetzt, wenn wir in größere Nummern gehen, werden die Kosten pro Student auch kleiner. Wir sind jetzt gerade in Gesprächen noch mit anderen Stiftungen und haben auch einige Anträge geschrieben, so dass wir hoffen, im Mai weitere 4000 Studenten aufnehmen zu können. (Markus Keßler)

Insgesamt kostet die Ausbildung von Studentinnen und Studenten über die MOOCs von Kiron nur einen Bruchteil von dem, was eine Ausbildung an einer regulären Universität kosten würde. Sobald die ersten ihren Abschluss haben, sollen sie in ihren ersten Berufsjahren mit einem kleinen Prozentsatz ihres Gehaltes zur weiteren Finanzierung von Kiron beitragen. Ein Generationenvertrag: Auf Dauer will sich Kiron nicht mehr über Spenden sondern über ein Alumniprogramm ehemaliger Absolventen finanzieren. Wenn es klappt, könnte das für Flüchtlingen konzipierte System irgendwann auch auf andere Interessenten ausgedehnt werden, die sonst keine Chance auf ein Studium haben. Der Traum von Bildung für alle über MOOCs würde Wirklichkeit.